Zu den beglückenden
Erfahrungen jedes Erwachsenen, der Kindern begegnet, gehört das
Staunen über die Verschiedenheit und Einmaligkeit jedes Kindes.
Keine zwei Kinder gleichen einander vollständig. Wie gehen nun
Kinderhaus und Schule mit dieser Individualität um? Ist nicht
das Ziel unserer Bildungseinrichtungen der angepaßte Mensch,
dessen Ecken und Kanten abgeschliffen sind? Spätestens seit der
Einführung der allgemeinen Schulpflicht, die alle Kinder eines
Geburtsjahrgangs zum gemeinsamen Unterricht in großen Klassen
zusammenfaßte, entstand die Notwendigkeit zur Normierung: Verbindliche
Lehrpläne und Anforderungen für die Leistungsbewertung wurden
festgesetzt, um Gleichheit der Chancen und Vergleichbarkeit der Schulabschlüsse
zu garantieren. Das ist sinnvoll und notwendig, birgt aber die Gefahr,
der Individualität des Menschen nicht gerecht zu werden. Maria
Montessori setzt mit ihrer Pädagogik beim einzelnen Kind an.
Ihr Schlüsselerlebnis war die Beobachtung eines sehr konzentriert
arbeitenden Kindes, das sich nicht ablenken ließ. Diese"Polarisation
der Aufmerksamkeit' hielt sie für so wichtig, daß sie die
Bedingungen dafür erforschte, um dieses Phänomen wiederholbar
zu machen. Sie schuf eine "Vorbereitete Umgebung", in der
das Kind aktiv und selbständig mit den Lerngegenständen
arbeiten konnte, also eine aktive Lernumgebung für das aktive
Kind. Indem Montessori die Dominanz des Lehrers zurücknahm, gab
sie der Tätigkeit des einzelnen Kindes mehr Raum. Der Lehrer
soll anregen, beraten und helfen, aber nur so weit helfen, bis das
Kind allein weiterarbeiten kann. Die wichtigste Fähigkeit des
Lehrers ist das geduldige Beobachten. Das Kind lernt, das Kind wächst
und das Kind erobert seine Welt. Der Erwachsene ist nicht Schöpfer
des Kindes, sondern Mitarbeiter der Schöpfung.
Durch diese Ausrichtung
am einzelnen Kind erhalten Montessori-Einrichtungen eine große
Offenheit. Die Pädagogik Maria Montessoris schreibt keine bestimmten
Methoden vor und keine Lerninhalte für einzelne Jahrgänge.
Ja, schon der Begriff "Methode" ist ihr gar nicht sympathisch.
In ihrem Spätwerk "Über die Bildung des Menschen"
schrieb Montessori: "Man möchte gern in einigen deutlichen
Worten das Wesen der Montessori-Methode ausgedrückt sehen. Wenn
wir nun nicht allein den Namen, sondern auch die allgemein gängige
Auffassung von ,Methode' aufgeben würden und statt dessen eine
andere Formulierung verwenden würden: Wenn wir sprächen
von einer ,Hilfe für die menschliche Person, ihre Unabhängigkeit
zu erobern', von einem ,Mittel' sie von der Unterdrückung durch
alte Vorurteile über die Erziehung zu befreien', dann würde
alles klar sein. Die menschliche Personalität muß in den
Blick genommen werden."
So überrascht
es nicht, daß jede Montessori - Einrichtung ihr eigenes Profil
hat entsprechend der Eigenart der Kinder, die sie besuchen. Im geduldigen
Beobachten werden sich die Pädagogen an der einmaligen Persönlichkeit
der ihnen anvertrauten Kinder orientieren. Dabei wird ihnen immer
wieder bewußt: "Kinder sind anders."
Peter Ortling
Ehemaliger
Schulleiter der Bischöflichen Maria-Montessori-Gesamtschule,
Krefeld